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Überschreitung des Tauernhauptkamms mit Besteigung Wiesbachhorn u. Großglockner Sept. 2000
Annegret und Stefan scheitern, durch Neuschnee im September gestoppt, zunächst glanzlos am Hohen Tenn und revanchieren sich mit einer Seilbahnbesteigung des Kitzsteinhorns. Ulf, durch einen Biercontest der legendären "Hansiosus Reisen" auf dem Faulhorn (Berner Oberland) aufgehalten, stößt am Montag abend - oder war es schon Dienstag? - dazu. Das Wetter zeigt sich günstig. Der große Plan wird in Angriff genommen: Der Tauernhauptkamm soll fallen, samt seinen Bastionen Großes Wiesbachhorn und Großglockner.
Erster Tag: Aufstieg zum Heinrich-Schwaiger Haus (2802m).
Der Alpinist von heute nimmt zeitgemäße Aufstiegshilfen bedenkenlos zur Hilfe: vom Parkplatz Kesselfallhaus hievt der Schrägaufzug die Touristenmassen samt Gipfelaspiranten zum Limbergstausee (1640m).Anschließend extremes Umsteigen in den Postbus, der weitere 400 Höhenmeter die Gehwerkzeuge schont. Nach kurzem Spaltenbergungstraining und Dreckgletscherklettern, wo die neu erworbenen Eisschrauben ("is beste wo gibt") für den Ernstfall erprobt werden, steht ein abendlicher Aufstieg zur Hütte an. Ulf erwägt, die Materialseilbahn zum Schwaiger Haus zum Rucksacktransport heranzuziehen, doch der Rest der Truppe besteht auf Härte: Hochgeschleppt werden soll der ganze Krempel! Vor der Hütte stimmt erster Schnee auf die bevorstehenden hochalpinen Herausforderungen ein. In Anbetracht der handvoll Übernachtungsgäste und der bevorstehenden Entbehrungen wird das Abendmahl zum Festessen.
Zweiter Tag: Heinrich-Schwaiger Haus - Großes Wiesbachhorn - Oberwalder Hütte
Am nächsten Morgen sieht es nicht mehr so vielversprechend wie von Meteo Austria angekündigt, aus: Doch der erfahrene Hüttenwirt, noch in Nachthemd und Pantoffeln, wirft einen langen fernglasgestützten Blick auf die aus der Ferne heranstürmende Wolkenwand und entgegnet unseren besorgten Fragen: "Des hebt bis ihr doseid". Problemlos wird die Felsrinne am Einstieg überwunden. Dann nur noch Schneegestapfe, allerdings von 35° Steilheit. Nun ist der Gipfel schnell erreicht. Zur Abwechslung mal zuerst und alleine auf  dem Gipfel. Wenn wir übermorgen auf dem höchsten Berg Österreichs stehen wollen, müssen wir heute noch ganz schön was zusammenlaufen, außerdem wird das Wetter auch nicht besser, also nix wie runter und weiter zur Bratschenkopfscharte (3383m). Nach weiteren zwei Stunden ereignislosem Gelatsche über Rücken und Kämme erreichen wir bei noch schönem Wetter, aber mit der Wolkenfront vor Augen die Biwakschachtel an der Gruberscharte (3104m). Gerne lassen wir diese Unterkunft aus, als wir im Hüttenbuch von einer tschechischen Gruppe lesen, die hier vor kurzem eine Woche lang eingeschneit war. Weiter geht's Richtung Keilscharte. Hier holt uns die Front des Grauens endgültig ein, und wie vom Hüttenwirt vorhergesagt rieseln pünktlich um drei Uhr nachmittags die ersten Schneeflocken herab. Das Wetter wird schlechter, die Panik steigt, die Fotos werden rarer: auch Annegrets Spalteneinbruch bis auf Brusthöhe bleibt undokumentiert. Doch bald ist das Tagesziel, die Oberwalder Hütte (2973m) erreicht.
   
Dritter Tag: Oberwalder Hütte - Hoffmansweg - Erzherzog-Johann Hütte
Am nächsten Morgen zeigt sich das Wetter wieder von seiner besseren Seite, so dass wir den Großglockner schon mal aus nächster Nähe besichtigen können. Doch um in eine günstige Ausgangsposition für den Gipfelsieg zu gelangen, müssen wir erst mal die Erzherzog Johann Hütte (3454m) erreichen, die sich dekadenterweise nur wenige Meter unterhalb des Gipfels (3798m) befindet. Zunächst heißt es jedoch Absteigen: die Wegfindung zum Pasterzenboden erweist sich als knifflig. Auch die 2 vorangehenden Summitsen Gruppen (DAV Summit Club) sind nur bedingt hilfreich. Obwohl sie äußerst langsam vorankommen, schaffen wir es, durch wiederholte Umwege, sie nicht zu überholen. Aufgrund unseres zweiten Frühstücks am Frühstücksplatz ziehen die Summitsen Gruppen uneinholbar davon, bahnen uns aber dafür eine bequeme Trasse über den gleichzeitig steilen und spaltenreichen Hoffmanns Kees. Trotz der allgegenwärtigen Devise "you have to go real' light" ruft Ulfs Maßnahme, gleich nach der heikelsten Stelle auf dem Hoffmannskees ein Steigeisen im Firn  zurückzulassen, keine Begeisterung bei den anderen beiden Seilgefährten hervor, nein im Gegenteil: blankes Entsetzen macht sich breit eingedenk der Spalten auf blankem, steilem Eis und der nachhallenden Worte des DAV Führers: "die alte, eingebürgerte Bezeichnung ”Hoffmannsweg” darf über diesen hochalpinen Anstieg nicht hinwegtäuschen!' . Das letzte Stück des Weges zur Hütte ist eisfrei, dafür lässt es sich nicht durchweg vermeiden, die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen. Zwar ist die Sicht noch gut, jedoch wäre unser Etappenziel, die Erzherzog-Johann Hütte, auch bei Nebel problemlos zu lokalisieren: wir könnten auf die Frage, ob wir die Hütte zuerst gesehen oder ihr Toilettenhäuschen zuerst gerochen haben, keine eindeutige Antwort geben.
Vierter Tag: Erzherzog-Johann Hütte - Großglockner - Heiligenblut
 Aufgrund des kurzen Aufstiegs und des Wolken verhangenen Gipfels trödeln wir mit dem Aufbruch, so dass etliche vor uns unterwegs sind. Wir hoffen auf Sicht vom Berg - ob sich die Vernachlässigung der Klonnerschen Tugend (der frühe Vogel fängt den Wurm) noch rächen wird? Das erste Stück ist Schneegestapfe, dann eine Gratwanderung über Felsblöcke und dann die Rache des gemütlichen Aufbruchs: Stau am Nadelöhr - ein zwei Meter langer, schmaler Grat muss überquert werden und direkt dahinter folgt eine leichte Kletterei im zweiten Grad. Auf der einen Seite der Scharte die Palavicinirinne, rutschend die schnellste Art vom Berg zu kommen. Jede Gruppe seilt sich an und sichert sich. Da die ersten bereits wieder entgegenkommen und der blauweiße Himmel von herangewehten Wolken verdeckt wird, frieren wir über eine halbe Stunde. Der als Eidechse verspottete Leichtalpinist Ulf klinkt sich nach Überschreitung des Sattels aufgrund des riesigen Seilgewirrs - unseres ist das rote, das dritte von oben, unter dem Bergschuh - unerfahrener Flachländer mit teilweise drängelnden Bergführern und aufkommenden Erstarrungszuständen aus dem Seil aus und bringt sich in der Steilpassage ohne Zugseil und weitere Wartezeit in Sicherheit. Nachdem alle Gruppen die Scharte überquert haben, bietet sich ein einsamer Blick auf den Frierplatz am Kleinen Glockner. Als sich der Stau langsam auflöst, erkennen wir die Scharte mit dem Einstieg in die Palavicinirinne. Am Gipfel beschleicht uns das Gefühl, bis ans Ende der Welt sehen zu können.
Tatsächlich reißt es für Sekunden auf und gibt die Sicht auf das Große Wiesbachhorn frei. Das Gipfelfoto macht ein netter Bergführer und nachdem wir genügend Telefonate "ja Gudrun, ich bin oben" mitgehört haben, machen wir uns auf den Rückweg. Wieder Schlange stehen, queren und warten. Direkt vor uns weicht unser Gipfelfotograf, hinter dessen vierer Gruppe wir laufen, einer entgegenkommenden Gruppe aus. Dabei saust er drei Meter in die Tiefe bevor er unmittelbar vor einem Steilstück an einem Fels zum Halten kommt und mit einigen Schürfwunden wieder nach oben klettert. Glück gehabt! Ulf saugt die ersten Sonnenstrahlen auf, trödelt beim Steigeisen anlegen, ist fasziniert von Bergführern die ihren Schutzbefohlenen selbige fürsorglich anlegen. Annegret und Stefan gehen derweil voraus, wobei Annegret mehrmals kopfüber in den Schnee fällt und Erinnerungen an Charlie Chaplin aufkommen. Höhenkoller, mangelnde Trittsicherheit, falsche Steigeisentechnik? Als Ulf aufschließt und fasziniert einen weiteren Sturz bewundert, weil sich beim Laufschritt im steilen Gelände Zacken der Steigeisen in den langen, am Gurt hängenden Bandschlingen verfangen, wird das Gelände bereits flacher. Die Sturzerprobte meint, das Problem löse sich von selbst. Tatsächlich erfolgt beim langsameren Laufen nur noch ein eleganter Sturz. Nach einer kurzen Pause auf der Adlersruhe geht's bergab nach Heiligenblut, ein weiter aber attraktiver Weg mit einer gesicherten Kletterpassage. In H. nimmt uns ein pensionierter Gruppenführer unter seine Fittiche und wir nächtigen in der leeren Juhe. Beim ausgedehnten und üppigen Frühstück erfahren wir von unserem Gruppenführer Anekdoten vom Hüttenbau seiner DAV-Sektion. Aus bekanntem Anlass kommt der Beschreibung des nachträglichen Einbaus einer alpinen Hüttenkläranlage besondere Aufmerksamkeit zuteil. Danach geht's retour nach Kaprun. Wieder haben wir Glück und nach kurzer Zeit nehmen uns zwei Summitsen mit. |